Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Segeln"

Die List des Kapitäns
Noch am 10. April 1945 - keinen Monat vor der Kapitulation - wurden auf dem Schulschiff "Deutschland" Schiffsjungen zur Ausbildung eingestellt. Nach Kriegsende verhinderte die Schiffsführung mit einer List, dass der Großsegler von den Alliierten beschlagnahmt wurde.

"Der letzte Ausbildungswinter war noch ein Stück heile Welt mitten im hereinbrechenden Chaos. Längst war die Ostfront zusammengebrochen, die Rote Armee stand an Ostpreußens Grenzen und überrannte bald den ganzen Osten, während die Westfront seit der im Juni 1944 geglückten Landung der Alliierten immer näher rückte... Doch die Schiffsausbildung auf Schulschiff "Deutschland" ging uneingeschränkt weiter. Am 10. April waren noch immer 84 Zöglinge in der Ausbildung. Davon hatten sich 19 neue Schiffsjungen mit diesem Tag zur Frühjahrseinstellung an Bord eingefunden." So schildert Georg Prager in seinem Buch "Schulschiff Deutschland" die Situation an Bord, während in Deutschland die Lichter ausgingen.

Aber die Offiziere lebten offensichtlich nicht ganz auf einem fremden Planeten, denn mit nahendem Kriegsende war ihnen durchaus klar, dass die unbeschädigten deutschen Rahsegler von den Alliierten sofort zur Kriegsbeute erklärt werden würden. Das wusste oder ahnte auch Otto Hattendorf, seines Zeichens neuer Erster Offizier auf dem Schulschiff. In einer Blitzaktion ließen er und Kapitän Bauer 240 ausrangierte Lazarettbetten an Bord bringen und aufstellen. Rund um Lübeck wurden "Verwundete" angeworben, die künftig auf dem neuen Hilfslazarett untergebracht werden mussten. Zum Glück für das Schiff waren die leichten Lazarette so überfüllt, dass man froh war, die leichten Fälle auf diese Weise loswerden zu können.

Mehr schlecht als recht wurden auf dem Rumpf rote Kreuze aufgemalt, um auch nach außen die neue Funktion des 1927 auf der Werft Tecklenborg in Gestemünde gebauten Rahseglers zu dokumentieren. Fieberhaft suchte man nach jungen Frauen, die man in Schnellkursen zu Hilfskrankenschwestern machen konnte, ehe die strengen Kontrolleure erkennen konnten, dass alles eine List war. Die Farbe war noch nicht getrocknet, als Offiziere der britischen Armee ihren Anspruch auf das Schulschiff "Deutschland" anmeldeten. Doch Kapitän Otto Bauer wehrte mit den Worten "Sorry, this is a German hospitalship" diesen Versuch ab, das Schiff zu konfiszieren.

Den anderen deutschen Segelschulschiffen der Marine blieb ihr vorgezeichnetes Schicksal nicht erspart. Horst Wessel und Leo Schlageter gingen in die USA, Großherzogin Elisabeth nach Frankreich sowie die Kommodore Johnsen (später Sedov) und die Padua (später Kruzenshtern) nach Russland. Das einzig erhaltene deutsche Vollschiff liegt - seit 1996 aufwändig restauriert - als der "weiße Schwan der Unterweser" in Bremen-Vegesack.

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