Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Segeln"

Im Faltboot über den Ozean
Dr. Hannes Lindemann leistete mit seinen Atlantiküberquerungen 1955 in einem liberianischen Einbaum und 1956 in einem Klepper-Faltboot Pionierarbeit. Den deutschen Arzt interessierte weniger der Rekord, den er bis heute hält, sondern vielmehr, wie lange ein Schiffbrüchiger mit minimalen Vorräten auf See überleben kann. Seine Experimente gelten noch heute als wegweisend.

"Der 3. Tag, 22. Oktober 1956. Gestern verlor ich das Land aus den Augen. Jetzt bin ich endgültig allein. Für wie lange? Ich rechne mit 70 Tagen. Wind und See werden gröber, die Kanarischen Inseln bieten keinen Schutz mehr. Mich ärgert das durch die Spritzdecke eintretende Wasser; daher nähe ich eine Schicht Plastik aufs Segeltuch. Mein Freibord ist zu gering; es kommt zu viel Wasser über. Je niedriger der Freibord, desto höher erscheinen die Wellen. Ich habe Windstärke fünf. Runde 25 Kilogramm wiegt mein Boot, 300 Kilogramm das Gepäck. Damit ist das Faltboot in schwerer See überlastet; am besten, ich werfe etwas über Bord. Zuerst die Quitten, zehn Kilo. Ohne innere Widerstände werfe ich weitere 15 Kilo Konservendosen weg. Ich fühle mich erleichtert." (Auszug aus dem Buch "Allein über dem Ozean", Edition Maritim)

Schon zweimal zuvor hatte Dr. Hannes Lindemann versucht, den Atlantik im Faltboot zu überqueren - eine Leistung, die noch nie jemandem gelungen war. Nur ein gewisser Kapitän Romer hatte es im Jahr 1928 immerhin geschafft, den Ozean zu bewältigen. Doch war dieser noch auf den letzten Seemeilen vor dem Ziel ums Leben gekommen.

Nicht die seemännische Leistung als solche interessierte den Mediziner, sondern vorrangig die Lösung der psychologischen Probleme, sowie die Frage, wie man auf einem kleinstmöglichen Boot und unter extremen äußeren Bedingungen überlebt. Gewissenhaft führte er Buch, wie man zum Beispiel mit einem Minimum an Flüssigkeit auskommt ohne zu dehydrieren und wie man schließlich auch dann noch "Trinkwasser" gewinnt, wenn alle Vorräte aufgebraucht sind: "Freies Wasser gewann ich aus Augen, Blut und Spinalflüssigkeit der Fische, wenn auch nur sehr wenig."

Beeindruckend abgeklärt schildert Lindemann, wie er sich aus dem Meer ernährte, wie wichtig Hygiene an Bord ist, und welche Chancen man hat, auf sich allein gestellt einen Schiffbruch zu überleben. Insgesamt führte er über 100 Selbstexperimente durch, die noch heute von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt sind. Als Beispiel für seine Abgeklärtheit liest sich die Methode, wie Lindemann Haie von seinem 5,20 Meter langen und 87 Zentimeter breiten Faltboot fernhalten wollte: "Ein Stück Haifisch hatte ich mir vor der Abfahrt aus Las Palmas besorgt; nach wenigen Tagen roch es so furchtbar, dass ich es über Bord werfen musste. Die chemischen Stoffe im faulen Haifleisch, vor allem Ammoniumazetat, verscheuchen die Haie bis zu einem gewissen Grad."

Nach 72 Tagen erreicht Dr. Hannes Lindemann mit seiner Liberia III St. Martin in der Karibik. Keiner, der nach ihm noch einmal einen ähnlichen Versuch unternahm, kam mit dem Leben davon. Sein Faltboot ist im Deutschen Museum ausgestellt.

Segeln 03/2003

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