Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Segeln"
Vom Piraten zum Schriftsteller
Erst schlitzte er seinen Opfern die Pulsadern auf, später versuchte er, Patienten zu heilen: John Esquemelings berufliche Karriere kannte alle Höhen und Tiefen. Doch berühmt wurde der Franzose mit seiner "Chronik eines Freibeuters", die er 1678 in Holland verfasste.

"Ich versichere, dass ich keine Geschichten nach dem Hörensagen wiedergeben werde, sondern nur das, was ich mit eigenen Augen gesehen habe." Mit diesen Worten beginnt 1678 die damals veröffentlichte, so genannte Freibeuter-Chronik, die ein gewisser John Esquemeling "mit Blut in der Feder" verfasst hat. Ein Mann, der nach eigener Aussage gemeinsam mit "Mördern und Wegelagerern" jahrelang die Karibik als Bukanier in Angst und Schrecken versetzt haben will. Fakt ist - jener John Esquemeling muss sich tatsächlich um das Jahr 1650 einer spanischen Freibeuter-Bande angeschlossen und gemeinsam mit finsteren Piraten wie Henry Morgan und Francis L'Ollonais die Gewässer um Hispaniola verunsichert haben. Seine Schilderungen lesen sich jedenfalls recht drastisch: "L'Ollonais war so wütend, dass er dem Mann mit seinem Entermesser die Brust aufschnitt und mit seinen Händen das noch zuckende Herz herausriss und hineinbiss. 'So mache ich es mit allen, die mir nicht folgen', schrie er und stopfte das Herz einem anderen Gefangenen in den Mund."

Dass auch John Esquemeling selbst so brutal war, darf zumindest bezweifelt werden. Historisch gesichert ist indes die Tatsache, dass Esquemeling im nordfranzösischen Honfleur geboren wurde und als Waise "zum Arbeiten" in die Französisch-Westindische Handelskompanie verschickt wurde. Dort muss er in die Lehre bei einem Bader gegangen sein, den er später mit wenig schmeichelhaften Worten beschrieb: "Er war der hinterhältigste Mensch, der je aus dem Schoß eines Weibes geboren wurde." Immerhin - das Handwerk der Heilkunst hat er ihm beigebracht, und es erwies Esquemeling offensichtlich gute Dienste. Nur zu gerne nahmen die Freibeuter den Arzt mit auf ihre Dienstfahrten, der mit seinem Können so manchem nach einem Arbeitsunfall zu einer hübschen Amputation verhalf. Und wenn mal nichts zu tun war, dann beschäftigte sich Esquemeling mit der Fauna und Flora vor Ort, worüber er fleißig Aufsätze verfasste.

Im Jahr 1674 war John Esquemeling der Grausamkeiten und Amputationen müde und kehrte nach Europa zurück, um in Amsterdam eine Arztpraxis zu eröffnen. In seiner Freizeit veröffentlichte er unter dem Titel "De Americaensche Zee-Roovers" seine Erlebnisse in der Karibik.

Womit er nicht gerechnet hatte, war der Erfolg, den er mit seinen blutrünstigen Schilderungen erzielte. Ein Erfolg übrigens, der zum Vorbild eines ganzen Genres wurde, wie etwa "Robinson Crusoe" von Daniel Defoe und "Gullivers Reisen" von Jonathan Swift.

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