Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln






Ein Oscar für Thor

Im Jahr 1947 überquerte der norwegische Forscher
Thor Heyerdahl mit einem Balsafloß den Pazifik von Peru nach Französisch-Polynesien.

Gegen alle gängigen Meinungen bewies er mit seiner Expedition, dass der Pazifik auch von Südamerika aus besiedelt worden sein könnte.

Die Filmakademie in Hollywood war mehr als dankbar:
Ein norwegischer Widerstandskämpfer macht sich direkt nach dem Krieg mit einem baufällig aussehenden Floß auf eine aben­teuerliche Reise über den unendlich weiten Pazifik. Und das nur, um eine offensichtlich aberwitzige Theorie zu beweisen ­nämlich, dass der Pazifik vor Urzeiten von Südamerika aus entdeckt und erobert wor­den sein konnte. Die gängige Schulmei­nung besagte übrigens das Gegenteil. Stets waren die Wissenschaftler davon über­zeugt, der Pazifik sei von Westen aus erobert worden. Das war der Stoff, aus dem Hollywood-Träume sind. Ein integrer junger Skandinavier, der auf eine fried­lichere Welt hoffte und mit seinen Abenteuern ein Zeichen setzen wollte.

Am 17. Mai 1947 legt Thor Heyerdahl mit seinem Floß aus Balsaholz in Peru ab. Ein Himmelfahrtskommando, wie viele meinten. Das nur mit Hanfseilen zusammengeknotete Floß aus zwölf Balsastämmen würde den Belastungen auf hoher See nicht standhalten. Doch das Gegenteil war der Fall. Der Saft der frischen Stämme sorgte dafür, dass das Holz sich permanent selbst imprägnierte. Und die Hanfseile schnitten tiefe Kerben in das Holz und machten es von Meile zu Meile seetüchtiger. Flexibel reagierten die Stämme auf gewaltige Wellen, die, so schätzte die fünfköpfige Crew um Thor Heyerdahl, Höhen von über acht Metern erreichten. Gesteuert wurde übrigens mit zwei 1,5 Meter langen Schwertern, die zwischen die Stamme gesteckt wurden.

Nach fast genau 100 Tagen kam Land in Sicht. Am 7. August 1947 lief das Floß auf den Strand von Rairoia auf, einer kleinen Insel im franzosisch-polynesischen Tuamoto Atoll. Hinter ihnen lagen rund 4300 Seemeilen. Doch die Crew war alles andere als überschwänglich ob des wissenschaftlichen Erfolges, hatte sie doch während der Überfahrt einen herben Verlust erlitten. Ihr Glücksbringer und philosophischer Gesprächspartner wahrend der dreimonatigen Reise, der Papagei Loreta, mochte sich einfach nicht an das wilde Geschaukel des Floßes gewöhnen. Ein großer Brecher schließlich schwemmte den nicht ganz seefesten Vogel über Bord. Schon mit dieser ersten Expedition wurde Heyerdahl weltberühmt. Sein Buch wurde in über 70 Sprachen übersetzt und sorgte durch den kommerziellen Erfolg dafür, dass Heyerdahl viele weitere, spektakuläre Reisen unternehmen konnte.

Für die amerikanische Filmindustrie jedenfalls war Heyerdahl ein Held. 1951 bekam er einen Oscar für den "besten Dokumentarfilm".

Segeln 7/2004

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