Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Segeln"

Ruder um dein Leben, Howard

Tagelang irrt Howard Blackburn im eisigen Januar des Jahres 1884 im offenen Ruderboot über das Meer vor Neufundland, die Hände an den Riemen festgefroren und ein toter Kamerad im Vorschiff. Aus dem Amerikaner wird im Folgenden einer der berühmtesten Segler um die Jahrhundertwende. Mehrmals überquerte er einhand den Atlantik, nur noch mit Handstümpfen bewehrt, seiner Finger vom Eis beraubt.

Als sie ihn endlich entdeckten, schien er mehr tot als lebendig. Die Hände an den Riemen seines Fischerdorys festgefroren, sein Kumpan als starre Leiche im Vorschiff des Holzdingis liegend. So trieb Howard Blackburn im Jahr 1884 auf die Küste Neufundlands zu. Und hätten ihn nicht Einheimische gefunden, wäre sein Lebenslicht im kleinen Boot erloschen, Blackburn in den Weiten des Ozeans ersoffen, und die nachfolgende Geschichte hätte nie erzählt werden können!

Es war der 21. Januar in Gloucester an der Küste Neuschottlands, als der 25 Meter lange Heilbutt-Schoner Grace L'Fears zu einer ersten Fangreise in diesem Jahr auslief, ein paar tausend Heringe als Köder an Bord. Der eisige Winter hielt Meer und Land fest im Griff, die Gischt gefror in der Takelage. Nach drei Tagen erreichte der Schoner die Fischgründe vor der Burgeo-Bank, dort wo Golfstrom und Labradorstrom wirbelnd aufeinander treffen.

Bei Tagesanbruch setzten die Fischer ihre Dorys aus, sechs Stück an der Zahl, kleine fünfeinhalb Meter lange Doppelender mit schrägen Seiten und flachem Boden. Drei Meter lange Riemen aus schwerer Fichte dienten den zwei Mann Besatzung als Antrieb. Alle Dorys fischten bei leichter Brise parallel zueinander. Doch die Luft war drückend und der Himmel lastete bleiern über dem Wasser und verschmolz am Horizont mit dem stillen grauen Ozean. Schnee fiel, es war eisig kalt. Blackburn und sein Kamerad Tom Welch entfernten sich immer weiter vom Mutterschiff. Als sie eine halbe Meile Fangleine eingeholt hatten, begann der Wind aus Südost aufzufrischen. Kaum hatten sie die letzte Fischerboje an Bord des Dorys, setzte eine unheimliche Windstille ein. Welch und Blackburn legten sich in die Ruder und pullten zur Grace. Doch es war zu spät. Im dichten Schneetreiben entschwand der Schoner ihren Blicken. Sie ruderten einsam über den aufgewühlten Ozean in einem Sturm, der sich langsam zum Orkan steigerte. Welch und Blackburn schöpften um ihr Leben. Wellen brachen über der niedrigen Bordwand in das Dory. Bald war es von einer dicken Eiskruste umgeben, die Gischt gefror, kaum dass sie auf dem Holz aufschlug.

Bis Neufundland waren es etwa 60 Seemeilen und die beiden pullten, was die steifen Glieder hergaben. Ohne Trinkwasser, nur mit gefrorenem Heilbutt auf dem Bootsboden. Die Handschuhe gingen über Bord und fortan ungeschützt froren Haut und Fleisch an Blackburns Händen langsam zu Eis. Am Ende der zweiten Nacht starb Tom Welch.

Das Fleisch von den Händen geschabt, so fanden die Einwohner des Fischerdorfes Little River am frühen Morgen des sechsten Tages Howard Blackburn. Sämtliche Finger und einige Zehen waren abgefroren, nur rohe Stümpfe blieben übrig. Drei Monate dauerte die Genesung.

Doch anstelle dem Meer auf ewig Adieu zu sagen, wollte Blackburn es den Elementen beweisen. Aus dem Fischer wurde ein Segler und Abenteurer. Mehrmals segelte Blackburn alleine über den Nordatlantik. Nur fünf Männer hatten dies vor ihm geschafft, darunter der legendäre Joshua Slocum. Doch Blackburn war mit Sicherheit der erste Mann, der nur mit Handstümpfen in einer kleinen Schaluppe über das sturmgepeitschte Meer segelte.

Mit einer Schiffsexpedition, die ihn rund um Kap Hoorn führte, brach er nach San Francisco auf, um am Klondike nach Gold zu suchen und eine Bootsreise führte ihn - ebenfalls allein - über den Illinois und den Mississippi bis zum Golf von Mexico und weiter nach Florida. Jedes dieser Abenteuer ist eine Geschichte für sich. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Blackburn als Volksheld. Sein Leben erzählt der Autor Joseph Garland in dem bei Heine erschienenen Buch "Allein übers Meer".

Segeln 9/2002

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