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Geschichten vom Segeln |
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118 Tage in einer Rettungsinsel |
| Am 4. März 1973 rammt die Yacht des englischen Ehepaares Bailey mitten im Pazifik einen Pottwal. Nur 50 Minuten später sinkt die Auralyn und die beiden Segler müssen auf eine Rettungsinsel übersteigen. Es beginnt eine unglaubliche Odyssee, ehe die beiden nach 118 Tagen von einem koreanischen Fischereischiff gerettet werden. |
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"Als wir diese Schildkröte fingen und in die Rettungsinsel ziehen wollten, leistete das Tier verzweifelten Widerstand gegen unsere Versuche, es auf den Rücken zu legen. Hol das Messer raus und schneid ihr die Kehle durch, trieb ich Maralyn an. Augenblicklich machte sie sich an das makabre Geschäft und hielt durch, bis das Tier sich nicht mehr regte. Aber wie sah es um uns aus? Der Boden schwamm von Blut, das wir bei unseren ungeschickten Auffangversuchen verschüttet hatten. Wie brutal doch das Leben ist, dachten wir beim Anblick unseres Opfers. Und doch spürten wir kaum Gewissensbisse. Wir brauchten das lebenserhaltende Fleisch." Dies war erst der 25. Tag einer Odyssee, die fast vier Monate dauern sollte und die an einem friedlichen Morgen im März 1973 begonnen hatte. Maurice und Maralyn Bailey waren von Panama aus losgesegelt und wollten mit Hilfe des Nordost-Passats Südwestwerts. Alles schien bestens zu laufen, alle Segel auf der Auralyn waren gesetzt. Die Bailey lebten in dem Gefühl, dass sich all ihre Träume von Freiheit verwirklichten. Plötzlich ließ ein Stoß das ganze Schiff erbeben. Ein Pottwal hatte die Backbordseite gerammt und schlug wild mit seiner Schwanzflosse um sich herum. Schon nach Minuten stand das Wasser über den Bodenbrettern, was die Suche nach dem Leck erschwerte. Als Mairice Bailey das Loch von 30 mal 45 Zentimetern entdeckte, wusste er, dass alle Rettungsmaßnahmen vergeblich sein würden. Sie mussten ihre Yacht verlassen und ihr Leben der Rettungsinsel sowie dem Borddingi anvertrauen. In hektischer Eile rafften sie Proviant, Wasserbehälter und Werkzeuge zusammen und warfen alles in das Schlauchboot. Sie arbeiteten schnell, konzentriert und ohne ein Wort zu sprechen. Nichts hatten sie sich sehnlicher gewünscht, als die Freiheit der Meere. Der Traum war aus und vorbei. Dabei hatte das größte Abenteuer ihres Lebens noch nicht einmal begonnen. Die nächsten 118 Tage lang sollte die kleine Rettungsinsel und das Dingi ihr Zuhause sein. Ein Zuhause, in dem sie fortan täglich um ihr Überleben kämpfen mussten. Schon nach wenigen Tagen nämlich war der Proviant, den sie retten konnten, aufgebraucht. Mit einer Sicherheitsnadel begannen sie, Fische zu angeln, die sie roh aßen und aussaugten. Immer mehr passte sich das Ehepaar Bailey einer Umgebung an, die für Menschen offensichtlich nicht geschaffen ist. Doch schlimmer noch als Durst und Hunger, als Krankheit, Sturm sowie Attacken von Haien und Walen war die Tatsache, dass mehrere Schiffe am Horizont auftauchten und an den Schiffbrüchigen vorbeifuhren, ohne sie zu sichten. Noch dazu begann sich nach drei Monaten die Rettungsinsel in ihre Einzelteile aufzulösen: "Fortgesetzt mussten wir bis zum Umfallen lenzen, aufpumpen und die Tücher auswringen, mit denen wir die Risse zwischen den beiden Schläuchen zugestopft hatten." Dann der 30. Juni 1973 und 118. Tag in der Rettungsinsel. 43 Tage nach der letzten Begegnung mit einem Schiff entdeckt die Mannschaft des koreanischen Fischkutters Weolmi die verzweifelt winkende Maralyn. Der Albtraum, der als Traum begann, war zu Ende. Segeln 10/2002 |