Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Der König der Korsaren

Wenn es zwischen 1790 und 1820 einen Mann gab, den die Engländer am liebsten um einen Kopf kürzer gemacht hätten, dann den französischen Staatspiraten Robert Surcouf. Dieser machte keinen Hehl aus seinem Beruf und seiner Loyalität zu Napoleon.

„Vive L'Empereur“ gellt der Schlachtruf übers Wasser. Piraten im Namen Napoleons! Die Besatzung des englischen Handelsschiffes Alphea traut ihren Augen kaum. Wie sollte dieser kaum 20 Meter lange Kutter ihnen gefährlich werden können? Ihnen, die bis an die Zähne bewaffnet sind und deren Schiff drei Mal so groß ist? Sollen sie doch versuchen, sie anzugreifen - man werde diesen franzosischen Bastarden eine Lektion erteilen.

Doch wie die behäbige Alphea auch manövriert, der wendige Kutter mit dem sinnigen Namen Renard (zu deutsch Fuchs) ist einfach schneller. Ein Katz- und Maus ­Spiel, das sich bis in die tiefdunkle Nacht fortsetzt. In den frühen Morgenstunden schließlich beginnt die Schlacht. Auf einen Schuss des Handelsschiffes antworten die Piraten mit schnellen Salven aus einem neu entwickelten Maschinengewehr. Es ist eine blutige Schlacht, und fast scheint das Handelsschiff sogar als Sieger hervorzugehen. Doch plötzlich ein lauter Knall- die Munition an Bord der Alphea explodiert und reißt die Mannschaft in den Tod.

Wieder einmal hatte der tollkühne Robert Surcouf gesiegt. Wieder einmal hatte der "König der Korsaren" die englische Seemacht vorgeführt. Allein im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts kaperten die Piraten im Auftrag des Kaisers fast 2300 englische Handelsschiffe. Die beste Quote durfte der am 12. Dezember 1773 geborene Bretone mit irischen Vorfahren seinem Dienstherren im Jahr 1811 melden: Insgesamt 625 Schiffe brachten Surcouf und seine Männer auf - die meisten mit dem schnellen Kutter Renard.

Dass die britische Admiralität im höchsten Maße besorgt war, lässt sich schon am Kopfgeld ablesen, das sie auf Surcouf ausgesetzt hatte. Tot oder lebendig brachte der Bretone 100.000 Pfund. Als Pate der Piraten feierte man ihn schon zu Lebzeiten. Doch auch als erfolgreicher Händler genoss Surcouf höchsten Ruf. Mit nicht einmal17 Jahren gründete er eine eigene Reederei - mit Geld, das er bei Ostindienfahrten verdient hatte. Es heißt, er habe den Mast seines Schiffes aushöhlen müssen, um die Edelsteine und Goldmünzen in seine Heimat bringen zu können. Dabei waren die Schiffe oft so überladen, dass Surcouf Kanonen und sogar Proviant über Bord werfen ließ. Im Jahr 1804 wurde er von Napoleon zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen - einen Orden, den er bis zu seinem Tod am 8. Juli 1827 immer stolz an der Brust trug - auch bei seinen Kaperfahrten. Und heute erweisen Segler aus aller Welt dem genialen Seemann die Ehre, wenn sie zu seinem Grab im bretonischen St. Malo pilgern.

 Segeln 10/2004

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