Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Segeln"
 
Regattasegeln war traditionell eine reine Männersache. Könige und Geldadelige übertrumpften sich mit dem Bau von Superyachten. Doch ihre Lehrmeisterin fanden sie in der französischen Kaufhaus-Erbin Virginie Hériot, die sich 1920 in die Meteor IV von Kaiser Wilhelm verliebte.

"Was für eine Befriedigung, diesem Leben im goldenen Käfig entronnen zu sein - mit all den Pflichten und Konventionen. Ich habe für mich festgestellt, dass ich Schiffe so sehr liebe wie den größten Schatz auf Erden." Das schreibt die 14-jährige Virginie Hériot in einem ersten Buch, dem im Laufe ihres kurzen Lebens noch etliche folgen werden. Virginie, Tochter des Pariser Kaufhaus-Magnaten Zacharie Olympe Hériot, unternimmt im Jahr 1904 mit der Yacht Ketoomba ihre erste Seereise, die sie von Neapel nach Pompji, Istanbul und Jerusalem führt. In diesem Jahr reift ihr Wunsch zur Gewissheit: "Ich werde mein Leben der See widmen."

Gesagt, getan: Mit nicht einmal 19 Jahren hat sie schon 40.000 Seemeilen auf diversen Segelyachten zurückgelegt, aber ihre Familie will das Vagabundenleben ihrer Tochter unterbinden. Am 2. Mai 1910 - Virginie ist keine 20 - wird sie mit Vicomte François Marie Haincque de Saint Senoch verheiratet. Der regnerische Tag blieb in Erinnerung, denn in den Zeitungen berichtet man über "eine unglückliche Braut". Immerhin teilt ihr Bräutigam mit ihr die Leidenschaft des Segelns, was ihre Ehe zunächst rettet. Im Jahr 1912 lässt sie ihre erste Segelyacht bauen und nennt sie - wie alle späteren - Ailée, die Geflügelte.

Im Jahr 1920 trennt sie sich von ihrem Mann, da sie endlich die wahre Liebe gefunden hat - es ist der gewaltige Zweimast-Schoner Meteor IV., den sich Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1908 hat bauen lassen, um im internationalen Regatta-Jet-Set mithalten zu können. Die Max-Oertz-Konstruktion wird Virginies neue Heimat. Zehn von zwölf Monaten im Jahr verbringt die schwermütige Frau an Bord der auf Ailée III umgetauften Ex-Meteor, segelt kreuz und quer über die Weltmeere und schreibt nebenbei Gedichte und Romane, die sie auch veröffentlicht. Trophäe für Trophäe sammelt sie in der von Männern dominierten Regattaszene. 1928 gewinnt sie gegen die besten Segler der Welt bei den Olympischen Spielen in Amsterdam die Goldmedaille im 8er. Frankreich hat eine neue Seeheldin. Marineminister Georges Leygues ernennt sie zur "Botschafterin des Segelsports", einen symbolischen Titel, den sie sich in der Tat verdient hat. Mit einem Tross von elf Yachten reist sie von Regatta zu Regatta. Über 140.000 Seemeilen legt sie allein im Mittelmeer zurück.

Anfang 1923 - bei der Überfahrt von Venedig nach Griechenland - kommt die Yacht in einen schweren Sturm. Virginie, die nie Brücke und Steuer verließ, stürzt und verletzt sich schwer. Trotz Leberquetschung segelt sie weiter Regatten. Am 27. August 1932 bricht sie bei einem Start zusammen - eine Folge der Verletzung, ein Herzinfarkt oder gar nach einer Überdosis Tabletten. Es bleibt ein Geheimnis. Einen Tag später stirbt sie um 15 Uhr - mit nicht einmal 42 Jahren - an Bord der ehemals kaiserlichen Yacht.

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