Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift "Segeln"

Stürmische Liebe auf der Herzogin Cecilie
Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende: Die 1902 bei der Rickmers-Werft in Geestemünde als Schulschiff für den Norddeutschen Lloyd gebaute Viermastbark Herzogin Cecilie war Inbegriff eines eleganten Frachtenseglers. Als sie im April 1936 vor der südenglischen Küste strandete, avancierten sie und ihr Kapitän zum Mythos.

Es war ein Bild des Jammers. Da lag dieses stolze Schiff keine 200 Meter vom Land entfernt und der Schaum der Wellen fegte über seinen weißen Rumpf, der sich trotz des Seegangs nur noch leicht hob und senkte. Es war den Naturgewalten hilflos ausgeliefert. Die Segel waren angeschlagen, aber eingeholt. Ein Vogel, dessen Flügel gestutzt waren, ein sterbender Schwan. Die Herzogin Cecilie, mit 52.514 Sack Weizen an Bord, war auf dem Weg von Australien nach England, als sie am 25. April 1936 in der Soar Mill Cove in Südengland strandete.

Um vier Uhr morgens klingelte auf einem Bauernhof in Higher Soar das Telefon. Am Apparat war die Küstenwache, die Thomas Smale darum bitten wollte, vom hoch gelegenen Felsen seines Hofes Ausschau zu halten. Da er aber krank war und nicht laufen konnte, schickte er seine beiden Töchter Betty und Mary. Was sie erblickten, waren an diesem nebligen Morgen nur die Schemen eines großen Schiffes. Erst später stellte sich heraus, dass sich mit der Herzogin Cecilie ausgerechnet jene Viermastbark in Seenot befand, die als das schönste Schiff ihrer Zeit galt.

Wie ein Lauffeuer sprach sich diese Nachricht an der südenglischen Küste herum. Die Zeitungen druckten Sonderausgaben und es wurde eine - für damalige Verhältnisse nie gekannte - Medienlawine losgetreten.

Zu Tausenden pilgerten Schaulustige ans Kliff der Higher Soar Farm, bewaffnet mit Picknickkorb und Ferngläsern. Alle wollten sie beobachten, wie der damals berühmteste Windjammer der Welt von den Seen langsam in Stücke zerschlagen wurde. Und sie wollten den jungen Kapitän Sven Eriksson sehen, der sich gemeinsam mit seiner jungen Braut Pamela weigerte, das dem Tod geweihte Schiff zu verlassen. In der Western Morning News des 27. April 1936 war zu lesen: "Nichts konnte den Kapitän und seine Frau bewegen, von Bord ihres 'Honeymoon Ships' zu gehen."

Die Herzogin Cecilie und ihr 32-jähriger Kapitän avancierten zum Mythos. Die Polizei stellte Verkehrsschilder mit der Aufschrift "Zum Wrack" auf. An manchen Tagen kamen bis zu 50.000 Neugierige ans Kliff. Die Legende will, das Eriksson und seine Frau auch in den kommenden Monaten, in denen das Schiff nach und nach ausgeweidet wurde, an Bord blieben. Doch schon nach wenigen Tagen hatte er die Aussichtslosigkeit einer Bergung erkannt. Am 9. September 1936 verließ Sven Eriksson zum letzten Mal die Herzogin Cecilie.

Eriksson fuhr nie wieder zur See. Gemeinsam mit seiner Frau wanderte er nach Südafrika aus, wo er 1954 starb. In einem Brief schrieb Pamela später: "Sven und ich hatten ein wunderbares Leben miteinander!"

Segeln 12/2002

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