Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Die Schuld des Schulschiffs?

Nur noch ein Schiffsmast am Gammendorfer Strand auf Fehmarn erinnert an die Tragödie um das Marine-Schulschiff Niobe, das am 26. Juli 1932 von einer Fallbö erfasst wurde und binnen Minuten sank. 69 Männer starben. Die Schuld an dem Unglück gab man der Niobe.

Am 18. September 1932 versammelte sich fast die gesamte Flotte der damaligen Reichsmarine vor der hinterpommerschen Küste in Höhe der Stolper Bank. Dorthin hatte man das Wrack der Niobe geschleppt. Im Beisein aller Schiffe versenkte das Torpedoboot Jaguar den Rumpf der Niobe mit einem Torpedo auf der Position 55°14’ nördliche Breite und 17°21’ östliche Länge.

Was wie eine öffentliche Hinrichtung aussah, war im übertragenen Sinne auch als solche gedacht: Dem Segelschulschiff Niobe, 1913 zunächst als Viermast-Gaffelschoner auf der „Frederikshavn Vaerft & Flydedok“ für die Reederei Knackergaard gebaut, wurde die Schuld für das tragische Unglück gegeben, das 69 Männern das Leben kostete. Was war passiert: Die Niobe – von der Marine auf der Germania-Werft zur Jackassbark umgebaut und seit 1922 als Schulschiff im Einsatz, hatte in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1932 westlich von Fehmarn vor Anker gelegen. Am Vormittag des 26. segelte sie mit 109 Mann Besatzung unter Vollzeug durch den Fehmarnbelt. Als Wolken aufkamen, ließ Kommandant Ruhfuß nur die Obersegel bergen, veranlasste aber sonst keine Vorkehrungen. Die Ausbildung der Kadetten lief wie gewohnt weiter. Um 14.15 fiel aus Südwest eine immer kräftiger werdende Bö über die Niobe her. Binnen 30 Sekunden drückte sie sie nach Backbord und legte die Bark vollständig auf die Seite. Durch die offenen Niedergänge drang tonnenweise Wasser in den Rumpf und hinderte den Großteil der Mannschaft, die sich unter Deck befand, ins Freie zu gelangen. Minuten später lag die Niobe auf 28 Meter  Tiefe, 1,2 Seemeilen südöstlich des Feuerschiffes Fehmarn, dessen Besatzung noch 19 Mann bergen konnte. Weitere 21 Männer wurden vom Dampfer Theresia aufgenommen.

Der Unfallhergang wurde nicht wie üblich in einer Seeamts-, sondern in einer Kriegsgerichts - Verhandlung untersucht. Da das Gericht nur aus Marineoffizieren bestand, einigte man sich schnell darauf, den Kommandanten frei zu sprechen. Das Kentern wurde auf höhere Gewalt und auf mangelnde Stabilität der Niobe zurückgeführt. Abergläubische Seefahrer waren allerdings der Meinung, dass auch der Name Niobe ein schlechtes Omen für das Schiff war. Niobe gehörte zu den tragischen Gestalten der griechischen Sage. Weil sie eine Göttin verspottete, wurden ihre Kinder von Appollo und Artemis getötet, worauf sie selbst vor Schmerz zu Stein erstarrte.


Geschichten vom Segeln 02 / 07

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