Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Ein Kanal voller Kaiser und Könige

Wenn es je ein gesellschaftliches Ereignis im Nahen Osten gab, zu dem gekrönte und ungekrönte Staatsoberhäupter freiwillig anreisten, dann war es die Eröffnung des Suez-Kanals am 16. November 1869. Es war zugleich der größte Konvoi von Luxusyachten in dieser Region.

Der Maestro war empört. Er, der große und berühmte Komponist Guiseppe Verdi sollte eine Hymne für die Einweihung des  Suez-Kanals am 16. November 1869 schreiben. Doch nicht einmal die Intervention der französischen Kaiserin Eugénie, er dürfe die Parade an ihrer Seite abnehmen, konnte ihn umstimmen: Verdi wird mit den Worten zitiert: „Ich schreibe doch keine Gelegenheitsstücke“. Die Retourkutsche folgte auf den Fuß – die vorgesehene Premiere der Oper Aida wurde abgesetzt und erst 1871 in Kairo nachgeholt.

Immerhin – einige Boote, die eigens für die Kulisse in der Kanalbau-Stadt Ismailia gebaut worden waren, kamen dennoch am vorgesehenen Tag zum Einsatz.

Nie zuvor und auch nie mehr danach gab es eine eindrucksvollere Versammlung von Yachten und ihren hochwohlgeborenen Besitzern: Kaiser Franz Joseph von Österreich, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, Prinz Heinrich der Niederlande, Großfürst Michael von Russland – und wie bereits erwähnt – Eugénie, die ihren in Paris gebliebenen Gatten, Napoleon III., vertrat. Sie alle reihten sich alle brav in eine Prozession ein, die, so wird behauptet, die gesamte Länge des Kanals von 170 Kilometern einnahm. Von 180 großen Yachten und etlichen tausend kleinen Booten schwärmten die Hofberichterstatter. Angeführt wurde die Parade vom Vizekönig und Khedive Ismail Pascha, der an Bord seiner Yacht Mahroussa, den Hunderttausenden von Menschen am Ufer zujubelte. Unerkannt an Bord der österreichischen Aigle blieb indes der Erbauer des Kanals, Ferdinand de Lesseps.

Vergessen waren bei all der Pracht die Mühen, seit mit dem Bau am 25. April 1859 in Port Said begonnen worden war. 1,5 Millionen Menschen – überwiegend Ägypter – waren am Bau beteiligt. 125 000 starben während der Arbeiten an Cholera. Die Baukosten des Kanals beliefen sich auf etwa 19 Millionen Pfund Sterling, wobei eine weitere Million für die Eröffnungs-Feierlichkeiten aufgebracht wurde!

Was die Abkürzung der Entfernung zwischen Europa und den östlichen Ländern betraf, so betrug diese für eine Dampferfahrt von Hamburg nach Bombay etwa 24 Tage, da der gefährliche und lange Weg um das Kap der Guten Hoffnung entfiel. Segelschiffen blieb der Suez-Kanal in der Regel versperrt, da Kreuzen an den schmalen Stellen unmöglich war. Die einzige Alternative bestand darin, sich teuer durch den Kanal schleppen zu lassen.

Heute verdient der Staat Ägypten mit den Schiffspassagen rund 20 Milliarden Dollar im Jahr.

segeln 02/2005

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