Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Die Wahrheit um Moby Dick

Die schicksalhafte Fahrt des Walfangschiffes Pequod, dessen einbeiniger Kapitän Ahab in blindem Hass den weißen Wal verfolgt, wurde im Roman von Hermann Melville im Jahr 1851 verewigt. Der reale Hintergrund der Geschichte ist weitaus dramatischer.
 

Schwarze Rußwolken, zischendes Fett, wild lodernde Flammen mitten in der Nacht. Völlig verdreckte Matrosen waten an Bord heruntergekommener Segelschiffe zwischen Bergen von Speck im Blut. Kein Horrorfilm könnte abstoßender sein als die Realität der Walfänger im 18. und 19. Jahrhundert. Das Hämmern des Böttchers in der Nacht, der wie ein Wahnsinniger immer neue Ölfässer zusammenzimmert, klingt wie das dumpfe Läuten am Eingang zur Hölle. Fast in Trance und völlig abgestumpft zerschneidet die Mannschaft die Kadaver der Meeresriesen. Der Lärm ist ebenso infernalisch wie der bestialische Gestank.

In der Tat hat der Beruf des Walfängers so gar keine schönen Seiten, romantisiert wird er trotzdem. Zum Beispiel von Hermann Melville, der 1851 seine eigenen Erfahrungen auf einem Walfänger in seinem Buch „Typee“ beschreibt. Es ist die auf einen Zweikampf zwischen Mensch und Tier reduzierte, erschütternde Geschichte der Dreimast-Bark Essex. Diese wurde am 20. November 1820 durch Rammstöße eines etwa 80 Tonnen schweren Pottwals versenkt, dem Melville später den Namen „Moby Dick“ gab. Die durch das Unglück ausgelöste, menschliche Tragödie ist in ihren Details so erschütternd, dass Melville diese seinen Lesern jedoch ersparte.

An jenem klaren, wolkenlosen Tag konnte sich die Besatzung noch in die Beiboote retten und segelte in Richtung Südamerika. Drei Monate und 2000 Seemeilen später erreichten sie die abgelegene Insel Henderson Island, wo jedoch nur drei Matrosen blieben. Die anderen 16 Mann wollten zurück in ihre Heimat Nantucket, eine Insel zwischen Boston und New York. Ende Dezember 1820 machten sie sich auf den Weg. Es folgte eine achtwöchige Odyssee des Grauens, in deren Verlauf die Matrosen in ihren Nussschalen auslosten, wer als nächstes erschossen wurde, um den anderen Kameraden das Überleben zu sichern… Am 23. Februar 1821 wurden insgesamt acht Mann von einem Walfänger gerettet. An Bord fand man noch unzählige, abgenagte Knochen.

Die Geretteten wurden nach ihrer Heimkehr in der nachfolgenden Seeamtsverhandlung zu den Vorgängen verhört. Aus Rücksicht auf ihre schrecklichen Erlebnisse wurde das Verfahren jedoch eingestellt. Nach wie vor jedoch wird bezweifelt, dass ein Wal ein Schiff von der Größe eines Walfängers versenken kann.

segeln 04/2006

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