Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Vom Pech verfolgt

Es gibt wohl kaum ein berühmteres Schiff, das in seiner Geschichte so viele Unglücke und Havarien überstand wie die 1857 als segelnder Schaufelrad-Dampfer gebaute Great Eastern. Der Luxusliner war derart vom Pech verfolgt, dass die Passagiere ausblieben.

Mit einer Länge von 210 Metern galt die Great Eastern 1859 als  „schwimmende Stadt“, als „Wunder der Meere“, aber auch als „Gotteslästerung“, vergleichbar mit dem „Turmbau zu Babel“. Noch nie zuvor hatte es die Menschheit gewagt, ein solches Monstrum aufs Wasser zu bringen. Entsprechend wurden auch alle Zeichen, Unfälle und Havarien akribisch genau dokumentiert, die sich während des Baus in London auf der Russel-Werft sowie im Laufe ihres – kurzen – Arbeitslebens ereigneten. Die Liste liest sich in der Tat wie das Unglücksregister einer Versicherung..

Für Kenner war mit dem Stapellauf am 3. November 1857 alles entschieden. Schon während des Baus kursierte das Gerücht, zwei Arbeiter seien in der Doppelrumpf-Schale eingeschweißt worden. Klopfgeräusche, die auf der Great Eastern immer wieder auftraten, sorgen beim Stapellauf für Panik unter den vielen hunderttausend Schaulustigen. Als das Schiff auch noch versehentlich mit Wasser und nicht mit Champagner getauft wird, ist es um die Great Eastern geschehen. Sie rutscht nicht ins Wasser, der Auftraggeber Isambart Brunel erleidet einen Schlaganfall.

Bei der Jungfernfahrt im September 1859 (!) explodiert ein Schornstein – und schon wieder kommen Menschen ums Leben. Wie auch der Kapitän im Januar 1860 bei einem Hafenmanöver von seinem eigenen Schiff in einem Beiboot zerquetscht wird. Verständlich, dass bei der ersten Atlantiküberquerung statt der über 4000 erwarteten Gäste aus Aberglaube nur 35 eine Passage buchen. Knapp kann die Pleite der Reederei verhindert werden. In Stichworten nur einige der weiteren Katastrophen: September 1861 – eine Welle reißt beide Schaufelräder ab. Juli 1862 – die Great Eastern läuft in New York mit Tausenden von Passagieren auf ein Riff. Der Riss in der Schiffswand ist fast 30 Meter lang. 1864 – Bankrott der Reederei. 1866 – Umbau als Kabelleger – doch im ersten Versuch reißt das Transatlantikkabel.1867 – die Great Eastern ist mal wieder ein Passagierschiff – in einem Sturm platzt die Ankerwinde. Vier Matrosen werden aufgespießt. 1874 – Degradierung zum schwimmenden Jahrmarkt. Die neuen Besitzer der Great Eastern verdienen mit den Eintrittskarten mehr Geld als die Vorgänger mit den Passagen. 1891 – die Great Eastern wird abgewrackt. Beim Herausschlagen der Nieten findet man zwischen zwei Eisenplatten die Überreste der beiden vermissten Werftarbeiter von 1857.


Geschichten vom Segeln 8 / 06

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