Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Ein Rennfahrer auf Abwegen

Den 9. August 1990 wird der ehemalige Autorennfahrer Jochen Maaß nicht so schnell vergessen: Fünf Meilen östlich von Wangerooge strandete sein historischer Toppsegelschoner Aquila Marina. Während die Crew geborgen werden konnte, ging das Schiff verloren.

Es war ein Unglück wie aus längst vergangenen Zeiten. Ein Großsegler, gestrandet und den Gewalten schutzlos ausgeliefert. So etwas kannten die Bewohner der Nordseeinsel Wangerooge höchstens noch aus alten Erzählungen. Mit dem Fernglas konnten sie das Drama beobachten, wie das Wrack – vom feinen Mahlsand unterhöhlt – sich auf die Seite legte, wie die Masten brachen, wie die Deckshäuser und Planken abrissen und einige Stunden später als Treibgut an die Strände gespült wurden. Das traurige Ende des 70 Jahre alten Toppsegelschoners Aquila Marina.

Wir schreiben den 9. August 1990: Alles an Bord ging seinen gewohnten Gang. Kapitän du Toit, als Skipper angeheuert vom ehemaligen Rennfahrer und Eigner des Schiffes,  Jochen Maaß, ist ein alter Hase. Routiniert hatte er das Schiff aus der Karibik ins französische Brest überführt. Nun sollte er mit dem 38 Meter langen Dreimaster nach Bremerhaven zu einem Großseglertreffen segeln. Den Hafen fast schon vor Augen, kam du Toit dramatisch vom Kurs ab. Er hatte die Ansteuerung von Jade und Weser miteinander verwechselt. Als er endlich seinen Fehler bemerkte, vergaß er jedoch, die Abdrift durch den Flutstrom in seine Berechnungen mit einzubeziehen.

Das Unglück nahm seinen Lauf: Kurz vor Mitternacht – drei Stunden vor Hochwasser – befand sich die Aquila Marina mitten im Labyrinth der Sandbänke auf der Mellumplatte, fünf Seemeilen östlich von Wangerooge. Schon bei der ersten Grundberührung schlug der hölzerne Rumpf des alten dänischen Arbeitsseglers leck. Eine weitere Fehlentscheidung des Skippers besiegelte das Schicksal des Schiffes. Anstatt zu ankern, ließ du Toit die Segel bergen und warf die Maschine an. Bei diesem Manöver legte sich die Aquila Marina quer zur Brandung und die ersten Brecher krachten aufs Deck. Minuten später musste der Skipper erkennen, dass die Lage aussichtslos war. Als er den Notruf absetzte, lag die Aquila Marina bereits auf der Seite. Die sieben Personen an Bord – darunter zwei Kinder – hatten nur noch eine Wahl: die Rettungsinsel. Nur zwei Stunden nach der Havarie wurden sie vom DGzRS-Rettungskreuzer Vormann Steffens unverletzt geborgen.

Die Aquila Marina indes war verloren: Sogar die von den Behörden angeordnete Entfernung des Wracks erwies sich als überflüssig. Kaum zehn Tage nach dem Unglück konnte die Besatzung bei einem Kontrollflug nur noch eine einzige Mastspitze orten, die aus dem Sand ragte.


Geschichten vom Segeln 9 / 06

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