Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Brüder im Dienste des Königs

Wohl kaum jemand dürfte den winzigen Ort Le Dourduff in der Bretagne kennen – und doch war der kleine Fischerhafen der Geburtsort zwei der besten Segler des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Um die Künste von Jean und Vincent Féat buhlte sogar Spaniens König.

Felsen, Geröll, Strömungen, Sturm und Regen – das waren die Gegner, mit denen sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Jungs aus dem armen Fischerdorf Le Dourduff in der Bucht von Morlaix im Norden Frankreichs täglich maßen. Wer war der stärkere, wer war auch unter widrigsten Bedingungen wieder am schnellsten im Hafen. Regattaspiele in der Not, aus denen eine Tugend wurde. Yachteigner, die es zu dieser Epoche zwar selten gab, aber deren Ansprüche an die Segelkünste ihrer Mannschaft umso höher waren, suchten nach kräftigen und unerschrockenen jungen Männern „zur Mitreise“. Männer wie die Brüder Jean und Vincent Féat.

Die wohl brillanteste Karriere als Profisegler machte zweifellos Jean Féat, der bereits um 1880 die berühmtesten Yachten seiner Zeit steuern durfte – die Fauvette, die Henriette und die Luciole, mit der er 1893 die französische Meisterschaft gewann. 1895 ließ ein gewisser Louis Vuitton einen Nachfolger dieses Schiffstyps bauen, der die unglaubliche Länge von 16,40 Meter hatte, aber nur eine Wasserlinie von nicht einmal zehn Metern. Auch mit dieser Yacht heims-te er einen Regattasieg nach dem anderen ein. Und sein Ruf eilte ihm voraus – bis nach Spanien, wo König Alphonse XIII. auf ihn aufmerksam wurde und ihn aufforderte, die königlichen Yachten Corzo und Tonino zu steuern. Kaum verwunderlich, dass die Segelkünste Jean Féats begannen, die ganze Familie zu ernähren. Auch sein Bruder Vincent stand plötzlich auf der königlichen Heuerliste, genauer gesagt in den Diensten des Marquis von Kuba, einem Verwandten Alphonse XIII.

Es kam wie es kommen musste – bei einer Regatta des Jahres 1910 traten die beiden Brüder gegeneinander an. Wie früher, als sie an der Küste vor Dourduff spielten. Sie kamen einander bei den Wenden so nahe, dass sie sich wutentbrannt anschrien. Ein Wortwechsel, der inzwischen Legende ist: „Vincent, du musst wenden – ich habe den König an Bord.“ Darauf Vincent: „Auf keinen Fall, ich befinde mich an Steuerbord“ .  Antwort: „Ich sage dir, dass ich den König an Bord habe.“ Vincent: „Der König kann mir mal den Buckel runter rutschen.“  Nur gut, dass die beiden noblen Herren kein Wort verstanden, hatten sich die Brüder doch auf bretonisch angebrüllt.

Bis in die 30er Jahre verdingten sich die beiden als Profisegler und gewannen unzählige internationale Preise. Und sie sorgten für seglerischen Nachwuchs. Auch die Söhne und Neffen waren begehrte Skipper.


Geschichten vom Segeln 12 / 06

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