Geschichten vom Segeln
in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift segeln

Kleines Boot, großer Törn

Schon als kleiner Junge wollte Gerry Spiess immer nur Boote bauen. Doch statt aufs Wasser verschlug es den Amerikaner zunächst ins trockene Lehramt. Bis er sich im Januar 1977 daran machte eine 10-Fuß-Yacht zu bauen, mit der er auch den Atlantik überquerte

Ich kratzte mir den Kopf, nahm ein Blatt sauberes Zeichenpapier und schrieb an seinen oberen Rand: Januar 16, 1977. Dann teilte ich 40 Planquadrate ein;…mir war schon bewusst, dass mein Boot nicht länger als zehn Fuß werden würde“* Ein Zitat aus  dem Buch von Gerry Spiess, das alle Faktoren zusammenfasst: Er hatte einen Traum, er besaß kein Geld und er litt unter quälendem Fernweh.

Den Atlantik wollte der 1940 in St. Paul im US-Bundesstaat Minesota geborene Gerry Spiess schon seit seiner Kindheit überqueren. Doch immer, wenn er an seinen großen Traum dachte, holte ihn die Realität seines Portemonnaies auf den Boden der Tatsachen zurück. Bis zu eben jenem 16. Januar, als er wieder einmal nicht schlafen konnte und in der Küche begann, die 3,05 Meter lange Yankee Girl zu konstruieren.

Die Garage seines Hauses mutierte zur Werft. Spiess sammelte alles an altem Sperrholz, was er in den umliegenden Tischlereien kostenlos auftreiben konnte. Monate vergingen, in denen er immer wieder verzweifelte. Konnte sein Unternehmen gelingen? Würde seine „Yacht“ genug Platz für ihn und den Proviant bieten? War sie seetüchtig? Fragen, die er erst nach einem Jahr Bauzeit und nicht einmal 700 Dollar Kosten – einschließlich der Segel – beantworten konnte.

Das Ergebnis sah freilich wenig vertrauen erweckend aus. „Irgendwie“, schrieb er, „sieht sie aus wie ein abgesägter Kübiskern.“ Zu niedrig, um in ihr stehen, zu kurz,  um sich ausstrecken zu können. Und dennoch – am Freitag, den 1. Juni 1979 wurde Gerry Spiess’ lang gehegter Traum Wirklichkeit. Unter Doppelfock lief die Yankee Girl mit dem Ebbstrom aus der Chesapeake Bay. „Leicht und anmutig“ begann die 3200 Seemeilen lange Reise von West nach Ost über den Atlantik.

Es war der Beginn eines 54-tägigen Martyriums. Stürme, in denen die Nussschale mehr als einmal vollschlug. Yankee Girl kenterte, Yankee Girl bockte , Yankee Girl zickte sich im Schneckentempo von durchschnittlich drei Knoten über den großen Teich. Und ihr Passagier litt Höllenqualen bis zum Schluss: „Wie setzt der Strom? Wo bin ich überhaupt mit meiner Ansteuerung des Kanals? Näher Land’s End im Norden oder näher der Insel Ouessant vor Frankreichs Nordwestecke. Hier setzen zu bestimmten Stunden Tidenströme, die viel schneller sind als mein Boot segeln kann.“* Am 24. Juli 1979 durfte Spiess endlich feiern –  bei Creme-Kartoffeln, Möhren und Erbsen.

segeln 12/2005

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